Romanistik
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Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft

Die vom philologischen Ansatz geprägte Literatur- und Kulturwissenschaft geht von zwei zunächst sehr schlichten und grundlegenden Elementen aus: vom Text und dem Lesen – sodann aber davon, dass beide der Auslegung bedürfen. Was diese Auslegung an sich jedoch ist – und das macht die besondere Produktivität, das kritische Potenzial und die Schönheit des Faches aus – wird selbst unterschiedlich ausgelegt. Der Streit über Methoden und Begriffe ist die Seele des Fachs.

Text als Literatur

In einer Richtung strebt das Interesse danach, die besondere, historisch, kulturell und medial bestimmte Ausprägung von Text als Literatur und die Traditionen des gelehrten Umgangs mit ihr ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die Poetik (als Lehre von den Regeln und Regelmäßigkeiten der Sprachwerke), die Rhetorik (als Lehre von den Wendungen und Figuren der Sprache im Zusammenhang ihrer Effekte als Affekte), die Semiotik (als Lehre von den Zeichen zwischen Konvention und Naturhaftigkeit, Sprache und Nicht-Sprache) sind ihre klassischen und modernen Dimensionen. Dem fügen sich das besondere Augenmerk auf die Bestimmung durch historische Abläufe hinzu, sowie – was besonders wichtig für das Studium der romanischen Literatur ist – die Analyse des Gewichts, das geographische, politische oder institutionelle Räume und die Eigentümlichkeiten der einzelnen Sprachen oder Sprachgruppen für das Phänomen Literatur, für den Text und seinen Kontext haben.

,Kultur’ als Text

In eine andere Richtung geht die Tendenz, den Begriff Text weiter zu fassen, und darunter ein jedes Gefüge von sprachlichen oder symbolischen Elementen zu verstehen, in dem sich Sinn, Bedeutung und Handlungsansätze in ihrem Entstehen und Zergehen zeigen. Mit Lesen wird dann eine solche Praxis im Umgang mit diesen Gefügen begriffen, welche zwar dem factum brutum des Textlichen unterworfen ist, aber die Freiheit der Auslegung durch bestimmte Mittel sucht. Auslegung selbst wird hier Theorie dieser zugleich fundamentalen und fundamental prekären Situation, welche im Innern von all dem, was Kultur genannt wird, arbeitet. So kann der Text ein Film, eine politische Handlung oder die Raumordnung einer Entdeckungsreise sein. Das Lesen kann sich im hedonistischen oder analytischen Betrachten von Kunst, im Tanz oder in ritueller Handlung manifestieren. Und die theoretische Betrachtung kann sich auf die Macht, die Psyche und die Medien richten, die diese Texte und dieses Lesen von vorneherein im Griff haben, und zu denen sie sich dennoch in Widerstand begeben können.

Text, Sprache, Erkenntnis

Inmitten dieser Tendenzen stehen verknüpfend und immer wieder trennend die langen Traditionen der Hermeneutik (als Kunstlehre der Auslegung und der Methoden des Verstehens) und der Ästhetik (als Lehre der Wahrnehmung und des Urteils nicht nur der schönen Künste) sowie die nicht minder langen Traditionen der Kritik und des produktiven Um- und Abbaus der hermeneutischen und ästhetischen Ansätze. In diesem Bereich, wo die Ästhetik dem begegnet, was sie als Schein kritisieren muss, und die Hermeneutik auf das trifft, was das Verstehen außer Kraft setzen kann, ist der singuläre Ort des Fachs im Ganzen des wissenschaftlichen Gefüges markiert: Allein hier kann dessen nicht reduzierbare Sprachlichkeit einer analytischen Untersuchung unterzogen werden. Allein hier kommen diejenigen Dimensionen der Sprache und des Symbolischen in den wissenschaftlichen Blick, welche nach permanenter Erkenntnisbildung verlangen: Fiktion (als problematischer Wirklichkeitsbezug), Ironie (als problematischer Selbstbezug), absolute Figuralität (als problematischer Bezug auf Bedeutung) und unausgesetzte Prozessualität (als problematischer Bezug auf die Feststellung des Seienden) sind Strukturmerkmale dieses Anspruchs auf Erkenntnis.

Schwerpunkte

Die romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft in München ist auf diese beiden Richtungen sowie auf die Erkenntnisfragen in ihrem Innern hin ausgelegt. In den Sprachbereichen des Französischen, des Spanischen, des Portugiesischen und des Rumänischen sowie in Kooperation mit der Italianistik und darüber hinaus mit der Komparatistik (vgl. auch das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft) widmet sie sich den Fragen des Fachs sowohl in dessen grundlegenden Ansätzen als auch in einer Reihe von thematischen Schwerpunkten, die sich aus den wissenschaftlichen Profilen der einzelnen Institutsmitglieder ergeben.

Einige der Schwerpunkte liegen zur Zeit bei folgenden Fragestellungen:

- Kulturwissenschaft der Übersetzung- Literatur und Religion sowie Literatur und Laizismus- Literatur- und Kulturgeschichte des Mittelalters - Miguel de Cervantes- Gustave Flaubert- Luigi Pirandello- Literatur der Avantgarde- Maurice Blanchot- Literatur und Philosophie in Frankreich (20. Jh.) - Psychoanalytische Theorien (insbesondere Jacques Lacan) - Literatur und Film der spanischen Movida (20. Jh.)- Ältere und neuere Literatur und Kultur Lateinamerikas- Vgl. auch die Forschungsprofile der einzelnen Mitarbeiter.

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