Nachruf auf Wolf-Dieter Stempel (1929–2026)
Das Institut für Romanische Philologie trauert um sein langjähriges Mitglied, Professor Dr. phil. Dr. h. c. Wolf-Dieter Stempel, der an der Ludwig-Maximilians-Universität von 1985 bis 1994 den sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl für Romanische Philologie innehatte. Wolf-Dieter Stempel wurde am 7. Juli 1929 in Landau in der Pfalz geboren (damals verwaltungsmäßig Teil der bayerischen Pfalz). Er wuchs dort in einer evangelischen Pfarrersfamilie auf und besuchte das humanistische Gymnasium in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren (1940–1949). Für herausragende Leistungen im Fach Französisch, das im französischen Sektor Deutschlands als erste (und oft einzige) moderne Fremdsprache unterrichtet wurde, erhielt er den Preis der pfälzischen "Provinzialregierung". Konsequent nahm er nach dem Abitur ein Studium der Romanischen und Lateinischen Philologie an der Universität Marburg auf. Auslandssemester führten ihn im Sommer 1951 nach Aix-en-Provence, was sein ausgeprägtes Interesse am Provenzalischen bzw. Okzitanischen stimuliert haben dürfte, sowie im darauffolgenden Wintersemester an die Sorbonne.
Von der Sorbonne wechselte Stempel 1952 nach Heidelberg, wo er bei dem renommierten Sprachhistoriker und Lexikologen Harri Meier über die Obstbaumbezeichnungen in den romanischen Sprachen promovierte. Das Thema könnte aus heutiger Sicht abgelegen anmuten; tatsächlich aber war es für Stempel Anlass zur Behandlung grundlegender Fragen der grammatischen Morphologie und der Motiviertheit in der Grammatik – vor dem Hintergrund des sich entwickelnden Strukturalismus. In Stempels Studie verbindet sich somit beste romanistische Tradition (wozu insbesondere auch die souveräne Einbeziehung einer Vielzahl von Sprachen vom Französischen, Spanischen und Portugiesischen über das Italienische und Rumänische bis zum Sardischen und Okzitanischen gehört) mit theoretischer Reflexion und Innovation, und Stempel begründete damit sein späteres Renommée als einer der letzten großen 'Vollromanisten', der das Fach in seiner ganzen sprachlichen, inhaltlichen, historischen, theoretischen und methodischen Breite überblickte. Ergebnisse seiner Forschung, die nicht nur die 'großen', sondern eben auch die heutzutage 'minoritären' romanischen Sprachen wie Sardisch und Provenzalisch beinhalteten, veröffentlichte Stempel in einschlägigen Fachzeitschriften und auch in den Akten des ersten internationalen Kongresses über «Langues et littératures du Midi», eine der Initiativen, die später zur Gründung einer «Association Internationale dʼÉtudes Occitanes» (AIEO) führen sollten. In die Promotionsjahre fielen zudem ein Studienaufenthalt in Valladolid und ein Jahresstipendium für Lissabon. So vertiefte Stempel zusätzlich zum Französischen und zum Italienischen (das er wie auch das Rumänische sehr gut sprach) seine praktischen Kenntnisse des Spanischen und Portugiesischen, zweier weiterer romanischer Weltsprachen.
Die Berufung von Stempels akademischem Lehrer Harri Meier an die Universität Bonn, die bis heute stolz auf den Beinamen 'Wiege der Romanistik' ist, eröffnete Stempel 1954 die Möglichkeit, dort eine Assistentenstelle anzutreten und ein Habilitationsprojekt in Angriff zu nehmen, das er 1962 vollendete. Diese Studie trägt den Titel: Untersuchungen zur Satzverknüpfung im Altfranzösischen (publ. 1964) und gehört einerseits in den Bereich der Sprachgeschichte, befasst sie sich doch eben mit dem Altfranzösischen. Allerdings geht es auch hier nicht um klassische Wortgeschichte oder Morphologie und auch nicht um die Syntax von Einzelsätzen, sondern um die Verknüpfung 'vollständiger' Sätze untereinander. Der Fokus lag also nunmehr auf wort- und satzübergreifenden Strukturen beziehungsweise auf 'ganzen' Texten oder Textabschnitten in altfranzösischer Sprache. Durch Konnektoren, die aufeinanderfolgende Einzelsätze verknüpfen (Parataxe), können Sinneffekte entstehen, die eine analoge Funktion haben wie in anderen Sprachen untergliedernde Satzstrukturen, die Haupt- und Nebensätze innerhalb der Satzkonstruktion zueinander in Bezug setzen, etwa im Lateinischen (Hypotaxe). Eine übliche Forschungsmeinung konnte korrigiert werden, wonach das Altfranzösische gegenüber dem Lateinischen defizitär sei, weil es auf Verschachtelung verzichte; vielmehr verwendet das Altfranzösische andere – beiordnende – Verfahren zur Repräsentation und Zuordnung komplexer Sachverhalte. Für die Literaturwissenschaft waren Stempels Einsichten wertvoll, weil er in der Folge sogar zeigen konnte, dass bereits die altfranzösischen Texte vermittels entsprechender Verknüpfungsverfahren den berühmten discours indirect libre kennen, der bis dahin als ein Spezifikum allein der modernen Literatur seit Flaubert betrachtet worden war.
Mit der Habilitationsschrift eröffnete Stempel neue Perspektiven, welche von der einfachen Wort- und Satzbetrachtung zur vielschichtigen Textebene führten und darum gut anschließbar waren an die Sprechakt-Theorie und an eine sich neu entwickelnde Auffassung von der Rhetorik, die nicht mehr als die Lehre von Tropen und Figuren, sondern als eine Modellierung der Möglichkeiten sprachlichen Handelns generell verstanden werden wollte. All dies geschah im weiteren Kontext eines umfassenden Paradigmenwechsels der Sprachwissenschaft, wie er in den 1960er und 1970er Jahren ins Werk gesetzt wurde. Zu den Feldern der Phonologie, Morphologie, Syntax und Semantik trat hinzu die linguistische Pragmatik, die Berücksichtigung der Äußerungssituationen und der Kommunikation – und dies nicht nur in der geschriebenen, literarischen, sondern ebenso in der gesprochenen Sprache in ihren vielfältigen Registern, eingeschlossen die Umgangs- und Alltagssprache bis hin zum Argot. Ein für die damalige Zeit geradezu 'unerhörter' Beispielsatz, den Stempel zum Erstaunen der Hörerschaft bei einem Gastvortrag in München erläuterte, war provozierend alltagssprachlich verfasst; er lautete: «Les voleurs sont arrivés et les flics ont filé» (aus dem Gedächtnis zitiert).
Da Stempel dank seiner quasi 'moderneren' Orientierung das neu erwachende Interesse am sprachlichen Handeln bestens bedienen und auch historisch unterfüttern konnte, verwundert es im Rückblick nicht, dass er bereits kurz nach der Habilitation und auch später immer wieder Rufe an andere Universitäten erhielt, darunter nach Gießen und Göttingen, die er beide ablehnte. Hingegen nahm er 1963 zunächst einen Ruf nach Bonn an und zog von dort 1967 an die neu gegründete 'Reform-Universität' Konstanz. Von Konstanz wechselte er 1973 wiederum nach Hamburg, wo er bis 1985 verweilte. Die darauf folgende und letzte Station der peregrinatio academica war dann die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Dort war bereits 1965 ein eigener Lehrstuhl für die Romanische Sprachwissenschaft eingerichtet worden, den als erster Amtsinhaber Helmut Stimm bis 1982 versah. Am Ende eines langwierigen Berufungsverfahrens gelang es, Stempel für die Nachfolge zu gewinnen, die er 1985 schließlich antreten konnte.
Für die Münchner Romanistik, die sich als eine 'Gesamtromanistik' und nicht etwa als ein Konsortium von autonomen 'Nationalphilologien' verstand, war Stempel zweifellos ein idealer Kandidat: In Lehre und Forschung, in seinen Publikationen und Interessen war er nicht auf Einzelsprachen oder bestimmte Epochen fixiert, und ihm war zudem der Brückenschlag von der Sprach- zur Literatur- und Kulturwissenschaft stets ein wichtiges Anliegen, zumal er auch ein hervorragender Kenner der mittelalterlichen Literaturen war. Den Fokus auf das je größere Ganze der sprachlichen Phänomene zu richten, das hatte er lange schon zu seiner Richtschnur gemacht und in den Konstanzer Jahren konsequent fortgesetzt. Dort traf er im Lager der literaturwissenschaftlichen Kollegen Geistesverwandte, mit denen er seit 1963 in der vom Romanisten Hans Robert Jauß und vom Anglisten Wolfgang Iser gegründeten Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" zusammenarbeitete und für die er 1973 zusammen mit dem Historiker Reinhart Koselleck den Band Geschichte – Ereignis und Erzählung (1973) kuratierte und herausgab. Es wurde deutlich, dass auch das Geschichtenerzählen und die Historiographie linguistisch befragbare Texte als Grundlage haben. Noch wirkungsreicher war vielleicht im Horizont der 1970er Jahre ein äußerst verdienstvolles Editionsprojekt: Zusammen mit dem damals ebenfalls in Konstanz wirkenden Slavisten Jurij Striedter wurden in zwei Bänden die Texte der russischen Formalisten russisch und deutsch herausgegeben. Während der erste Band unter Striedters Ägide Allgemeine Literaturtheorie und Theorie der Prosa behandelte, war Stempel zuständig für den zweiten Band über Theorie des Verses und der poetischen Sprache, was sich mit seinem Interesse an sprachlicher Form, Metrik, Rhythmus und Reim deckte. Die lange Zeit vergessenen Arbeiten der russischen Formalisten aus den 1920er Jahren waren dank des Strukturalismus, der sich ausdrücklich auf diese Wurzeln berief, wiederentdeckt worden und stießen in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft, die gerade begann, den französischen Strukturalismus zu rezipieren, auf breite Resonanz. Dass Stempel als Romanist an diesem Unternehmen aktiv mitwirkte und dank seiner Russischkenntnisse auch kompetent mitwirken konnte, wies ihn sozusagen als 'Slavophilen' aus, adelte ihn in den Augen der Fachwelt zum Slavisten ehrenhalber; und in der Tat zeugen auch spätere Arbeiten von seiner Liebe zur russischen Avantgarde, etwa zum Lyriker Velimir Chlebnikov und zur Ästhetik der (nicht nur) russischen Moderne überhaupt. Ein persönlicher Aspekt mag hinzukommen: Wolf Stempels Ehefrau Elvina, geborene Simonianz, ist gebürtige Russin und von Beruf Slavistin.
Am Münchner Institut für Romanische Philologie traf Stempel in der linguistischen Abteilung auf Georg Bossong, der einen Schwerpunkt in der Iberoromania sowie im Bereich der Allgemeinen und Vergleichenden Sprachwissenschaft hatte; und in der Literaturwissenschaft hießen Stempel 'alte Gefährten' willkommen, die ihrerseits durch die Schule des Strukturalismus gegangen waren: Ilse Nolting-Hauff, die ebenfalls bei Harri Meier in Bonn promoviert worden war, und Rainer Warning, der zur zweiten Generation von "Poetik und Hermeneutik" gehörte; schließlich Gerhard Regn, der nach der italianistischen Habilitation in der Münchner Romanistik eine Professur für Französisch und Portugiesisch innehatte, bevor er 1988 an die Freie Universität berufen wurde. Ein gemeinsamer Bezugspunkt war für alle vier die Mitwirkung an den Tagungen des von Karlheinz Stierle und Warning gegründeten "Romanistischen Kolloquiums". Stempel leitete Kolloquien und publizierte Tagungsbände über die Renaissance (Die Pluralität der Welten, 1984/87) und über die französische Lyrik des Spätmittelalters (Musique naturele, 1993/95). Dank seiner Tätigkeit als einer der Herausgeber des Romanistischen Jahrbuchs, als Fachgutachter für die Alexander von Humboldt-Stiftung und für die DFG, dank seiner späteren Mitgliedschaft im DFG-Senat und in weiteren Gremien fiel Stempel die Rolle eines Netzwerkers zu, der wertvolle Verbindungen ins In- und Ausland knüpfen konnte. Ungewöhnlich sind für die damalige Zeit Beziehungen zur traditionsreichen Universität Tartu (vormals Dorpat) in Estland und insbesondere zum einflussreichen Kultursemiotiker Jurij M. Lotman. Für ihn vermittelte Stempel 1993 einen Forschungsaufenthalt in München. Tragischerweise erlitt Lotman dort einen schweren Schlaganfall, an dessen Folgen er kurz nach seiner Rückkehr nach Estland verstarb. An den Beisetzungsfeierlichkeiten in Tartu nahm Stempel als Abgesandter der DFG teil. In Stempels Amtszeit fiel die dringend gewünschte personelle Stärkung der linguistischen Abteilung: Dank der Errichtung einer zusätzlichen Professur wurde das zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen den sprach- und literaturwissenschaftlichen Stellen am Institut gemildert. Danach wirkte am Institut eine Zeitlang der italienischstämmige Eduardo Blasco Ferrer als Experte für das Sardische und das Katalanische; somit erfuhren diese Sprachen eine deutliche Aufwertung. Nach Bossongs Berufung auf einen Mannheimer Lehrstuhl wurde 1991 Wulf Oesterreicher aus Freiburg i.Br. berufen – eine weitsichtige Weichenstellung, da Oesterreicher zusätzliche Schwerpunkte auf die Agenda der Münchner Romanistik zu setzen vermochte: etwa die Mündlichkeit/Schriftlichkeits-Debatte oder die Erforschung des Spanischen im Zeitalter der Conquista und der Kolonialzeit. Trotz anderweitiger Offerten entschied sich Oesterreicher dafür, ab 1994 die Nachfolge auf Stempels Lehrstuhl am Münchner Institut zu übernehmen, das er sich vertraut gemacht hatte.
In Erinnerung bleiben allen, die Stempel kannten, sein freundliches Auftreten und seine Nahbarkeit und spontane Zugewandtheit. Diese Qualitäten zeigten sich gleichermaßen im Umgang mit Studierenden, für die er sich verantwortlich fühlte und die er – entsprechend der alten Studienordnung – ohne Ansehen der Person im Mündlichen prüfte; sie galt den Lehrenden vom Assistenten bis zur Privatdozentin, ebenso den übrigen Mitarbeitenden des Instituts über Abteilungs- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg, erst recht wenn jemand fachliche, institutionelle oder moralische Hilfe benötigte; und sie galt den Professorenkolleginnen und -kollegen. Rivalitäten, Fraktionsbildungen, Machtspiele oder Intrigen, wie sie im Universitätsleben immer wieder vorkommen, waren seine Sache nicht.
Zu Stempels Verabschiedung in den Ruhestand im Sommer 1994 fand ein großer akademischer Festakt im Hauptgebäude der Universität statt. Dort wurde ihm, wie es alter akademischer Brauch ist, eine Festschrift überreicht: Sprachlicher Alltag – Linguistik, Rhetorik, Literaturwissenschaft, herausgegeben von Stempels inzwischen leider verstorbener Assistentin Annette Sabban, später Professorin in Hildesheim, und vom mittlerweile ebenfalls verstorbenen Christian Schmitt aus Bonn, seinem romanistischen Weggefährten während der Hamburger Jahre. Der so Geehrte bedankte sich artig, wies aber beinahe schroff darauf hin, dass er eine solche Festschrift nicht gewünscht habe. Solche Zurückweisung gründete zweifelsohne im 'Schwur' der ersten Konstanzer Generation, füreinander keine Festschriften zu verfassen oder gar anzunehmen. Zugleich war es auch ein ehrlicher und sympathischer Gestus unprätentiöser Bescheidenheit. Er passte zu Stempels Persönlichkeit und seinem unverdrossenen – vielleicht protestantisch geprägten – Arbeitsethos, dem selbst die schmerzliche Erfahrung nichts anhaben konnte, dass er eines Tages unversehens am rechten Auge erblindete. Trotz dieser Beeinträchtigung blieb er wie zuvor in der Lehre, in der Forschung und in der Lektüre analogen Schrifttums aktiv (er verfügte über eine beachtliche Privatbibliothek) – weit über die Emeritierung hinaus.
So reichte auch Stempels Engagement für das Dictionnaire de l’occitan médiéval (DOM) über die Emeritierung hinaus. Bereits nach dem plötzlichen Tod von Helmut Stimm, seinem Vorgänger auf der Münchner Professur, hatte Stempel 1987 die Verantwortung für das Wörterbuchprojekt übernommen. Es gelang ihm, für das DOM im Rahmen des Akademienprogramms eine längerfristige Förderung einzuwerben, von 1997 bis 2022. In der Zeit, in der er das Wörterbuch leitete (1987–2012), fielen eine Reihe von Entscheidungen, mit denen er und die Mitarbeiterinnen des DOM (Claudia Kraus, Renate Peter und Monika Tausend) die historische Lexikographie der Romanistik prägten. Helmut Stimm hatte das Wörterbuch noch in der Tradition von Walther von Wartburg etymologisch angelegt. Von diesem sprachgeographischen Paradigma der 'langen' Diachronie vom Latein zu den romanischen Dialekten entfernte sich das DOM. Ähnlich wie das Dictionnaire étymologique de l’ancien français (DEAF) entwickelte das Wörterbuch einen synchronisch-historischen Ansatz, der die kulturgeschichtlichen Dimensionen nicht ausblendete, sondern die Verbindungen zu Literaturgeschichte, Wissensgeschichte, historischer Soziolinguistik und Standardologie offenhielt. Beispielsweise begann das DOM damit, die Textquellen in drei Gebrauchsdomänen zu ordnen, um der gattungsbezogenen Variation Rechnung zu tragen. Außerdem stand die semantische Analyse nunmehr im Vordergrund – und zwar in synchroner, nicht mehr diachroner Perspektive. Die Artikel, die Stempel zu den altokzitanischen Präpositionen schrieb, sind vorbildhaft, gerade weil sie die Schnittstellen zwischen Lexikologie und Syntax – und gleichzeitig auch die Grenzen eines rein lexikographischen Ansatzes – deutlich herausarbeiten. Die historischen Wörterbuchprojekte in der Romanistik wurden inzwischen, mit Ausnahme des Lessico etimologico italiano (LEI), vorzeitig abgebrochen. Stempel bedauerte dies sehr und sah darin ein weiteres Beispiel für das zunehmende Desinteresse an linguistischer Grundlagenforschung, zumal in Bezug auf das romanische Mittelalter. Er war aber auch bereit, pragmatisch zu handeln, und entwickelte zusammen mit den Mitarbeiterinnen die Idee, auf der Basis der bereits vorhandenen lexikalischen Informationen zum Altokzitanischen eine vollständige Alphabetstrecke online anzubieten. Das DOM en ligne ist seit 2016 freigeschaltet und somit zu einem der wichtigsten Arbeitsinstrumente der Okzitanistik geworden. Und es wird immer noch durch das Einfügen neuer Lexeme (mots nouveaux) erweitert, die während der Förderung gefunden wurden.
Bei seiner oben erwähnten Abschiedsrede 1994 erklärte Stempel im Blick auf die stattliche Zahl der Universitäten, an denen er im Laufe seines Berufslebens gelehrt hatte, dass er sein Wissen und seine Fertigkeiten immer wieder an einem neuen Ort einem neuen Auditorium habe kommunizieren wollen, auch aus der Befürchtung heraus, sich sonst im Laufe der Jahre ungebührlich zu wiederholen. Diese Gefahr bestand nicht wirklich, sie zeigte aber, dass er der Überzeugung war (und dies zu Recht), dass er in seinem Fach aus einem soliden Fundus tradierter Kenntnisse schöpfen könne, die auch dann wertvoll und aktuell blieben, wenn er sie ein paar Semester später an einem anderen Ort mit einem neuen Publikum teilen würde. Daraus sprach ein großes Vertrauen in einen von ihm gepflegten Stil der Romanistik, die immer noch philologia perennis war und bleiben sollte – unbeschadet aller Neugier und Freude an der Innovation, für die Stempel ebenso stand – und dies wie wenige andere unter seinen Fachgenossen. Für die Ludwig-Maximilians-Universität zweifellos ein Glücksfall, dass er nicht an seinem Platz in Bonn, Konstanz oder Hamburg festgehalten hatte, sondern in die Hauptstadt eines Freistaats aufbrach, in dem er – wenn es nach dem Geburtsregister geht – auch schon die Jahre seiner Kindheit verbracht hatte.
Zahlreiche ehrenvolle Mitgliedschaften wurden Stempel zuteil: darunter die Aufnahme in die Hamburger Jungius-Gesellschaft (1974), in die Bayerische Akademie der Wissenschaften (1988), in die Academia Europaea mit Sitz in London (1990). 2000 erhielt er die Heisenberg-Medaille der Alexander von Humboldt-Stiftung und 2002 wurde er nicht weit entfernt von Bonn, an der Universität zu Köln, feierlich zum doctor honoris causa promoviert. Am 8. Juli 2019, einen Tag nach seinem 90. Geburtstag, fand ein festliches Kolloquium zu Ehren des Jubilars statt – wiederum im Hauptgebäude der Münchner Universität. Nach der Covid-Pandemie und in den Folgejahren entfernte sich der Gelehrte, der nach der Emeritierung noch lange in der wissenschaftlichen Gemeinschaft präsent geblieben war, allmählich von der Mühsal des akademischen Lebens.
Am 2. September 2026 ist Wolf-Dieter Stempel in München verstorben. Das Mitgefühl des Instituts für Romanische Philologie gilt seiner Frau Elvina Stempel, den Töchtern Olga und Christina, den Enkelkindern Georg und Anna sowie allen Angehörigen. R.I.P.
Bernhard Teuber, Maria Selig, Daniel Jacob und Andreas Dufter